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  • Richard J. Schaefer

Von 15 Jahre Querschnittlähmung & Loslassen können


Die sogenannte Corona-Krise 2020 hat nicht nur mich entschleunigt! Aber … die Zeit der Selbst-Isolation gab mir viel Zeit zum Nachdenken und Überlegen! Vor nun mehr 15 Jahren – am 21. Oktober 2005 - verräumte mich ein Autoraser kurz nach dem Oberösterreichischen Voralpenkreuz auf der Autobahn A1 Richtung Salzburg. Viele sprachen bzw. sprechen von einem Wunder, dass ich überhaupt überlebt habe! Ich, für meinen Teil, glaub daran, dass der Teufel keine Konkurrenz will. Die berühmte Frage nach dem „WARUM“ stellte ich mir eigentlich nie. Vielleicht waren meine ganzen Ausbildungen und beruflichen Tätigkeiten dafür verantwortlich. Auf diese Frage werde ich nie eine befriedigende Antwort bekommen!

Vor 14 Jahren lernte ich das erste Mal das Loslassen. Damals, als aus den von mir vorgestellten 6 – 8 Monaten Erst-Reha ein Vielfaches mehr an Erst-Rehazeit entstand. Loszulassen heißt, sein Leben neu zu sortieren! Sofern man dies in dem Moment überhaupt wirklich kann. Aber auch seine Zukunft zu planen! Das Wichtigste ist, nicht an der Vergangenheit zu klammern! Es war sehr schwer, die Zeit wieder zu genießen, in der ich mich gerade befand! - Loslassen heißt Gefühle zuzulassen, die kommen. Diese aber nicht nur zulassen, sondern auch zu akzeptieren! Vieles war nicht mehr wie vorher! Die Herausforderung: Es heißt auch sich zu trauen, etwas zu tun! Immer wieder begegnete mir eine Situation, wovor ich Angst hatte. Vor allem so einschneidende Erlebnisse wie die operative Entfernung eines Gesäßes oder eines Hüftgelenks. Nicht nur, dass ich nach etlichen Jahren plötzlich an weiteren Einschränkungen wachsen musste. Nein ich bin seit Anfang 2012 auch auf eine 24 Std. Assistenz angewiesen. Das bedeutete nicht nur den Verlust meiner Intimität! Ich musste mich im Laufe der Jahre immer wieder auch mit an meine wechselnden Assistenzpersonen anpassen! Zum Glück hatte ich zwei Assistenzpersonen, welche mich über mehrere Jahre begleiteten. Dies gab mir neben einer gewissen Sicherheit auch Stabilität. Beides fehlt mir nun seit vielen Monaten. Ich muss mich gerade, fast monatlich, immer wieder von meinen Gefühlen an Sicherheit und Stabilität lösen – loslassen!

Aber wenn ich zurück blicke hat sich auch sehr viel Positives getan. Ereignisse und Erlebnisse, welche ich als Fußgeher NIE erleben hätte dürfen. In meiner Zeit in Salzburg durfte ich aktiv am Aufbau des Rollstuhl-Turniertanzsport mitwirken. Ich war zwischen meinem 18. Und 23. Lebensjahr auch als Fußgänger ein begeisterter Tänzer. Die Standard- und Lateinamerikanischen Tänze hatten es mir einfach angetan. Nun konnte ich diese Gefühle als Rollstuhlfahrer für 4 Jahre wieder erleben. Dann machte mir meine Schulterprothese einen Strich durch die Gefühle des Tanzens. Denn (Rollstuhl-)Tanzen bewegt den ganzen Körper und ist Träumen mit der Seele auf Rädern.

Ich arbeitete vor meinem Unfall in einem, nicht immer mit meinen Vorstellungen zusammenpassenden Krankenhaussystem. Mit meiner damaligen Physiotherapeutin in Salzburg eröffnete ich 2009 in Salzburg ein Kompetenz-Zentrum Querschnitt! Hier konnte ich mit meinen Klienten arbeiten, wie ICH mir den Umgang mit Klienten/Patienten immer gewünscht und vorgestellt habe! Diesen Ansatz setzte ich dann auch ab 2012 in Linz im Netzwerk QUER-SCHNITT fort!

Unterbrochen wurde mein Lebensdrang jedoch ab 2011 alle zwei Jahre mit einer lebensbedrohlichen Situation herausgefordert! Jedes Mal war dies wieder mit dem Loslassen eines kleinen Lebensinhaltes verbunden. Seit 2017 hat sich diese herausfordernde Phase jedoch etwas beruhigt! Aber es gibt so viel Positives, was die negativen Erlebnisse wieder wett machte! Ich habe bis 2018 mehrere größere Ausbildungen absolviert. Ich habe einen Urlaub – auf der Kanal-Insel Jersey – gemacht, wo ich sonst nie hingekommen wäre. Ich habe vier Mal für Österreich an Internationalen Rollstuhl-Tanzturnieren teilgenommen und jedes Mal mit meiner Tanzpartnerin auf dem Potest gelandet. Ich konnte mich mit meinem Netzwerk QUER-SCHNITT Linz zu einem angesagten Experten entwickeln. Durch meine Arbeit und Kompetenz erhielt ich in den ersten 7 Jahren des Netzwerk QUER-SCHNITT Linz auch 7 Auszeichnungen. 2016 und 2018 wirkte ich nicht nur mit Texten, sondern auch als Hauptdarsteller in einem Theaterstück über Sexualität & Behinderung mit! 2018 entsandte uns das Mozarteum sogar zum Internationalen Körber Theaterfestival nach Hamburg. Hier errangen wir den 1. Platz des Publikumspreises. DAS …. das hätte ich ohne meinem Unfall nie erlebt. Auch habe ich nach meiner Rückkehr nach Linz echt gute Freunde und Freundinnen gefunden. In Salzburg bin ich einigen Scharlatanen aufgesessen, welche mir auch einen großen finanziellen Schaden zufügten. OK ich kämpfe seit ein paar Jahren jährlich auch wieder um die Kostenrückerstattung meiner Assistenzpersonen durch die Versicherung des Unfallverursachers! Das ist leidig, nervig und zeitweise anstrengend. Was einen ärgert, auch wenn es noch so schlimm ist, der Kopf muss lernen loszulassen, damit die Seele wieder atmen kann!

Aber ich will so bleiben, wie ich bin! Sicher die Folgen des Unfalls sind nun mal gravierend! Ich kann sie weder leugnen noch ignorieren! OK, das Laufen klappt nicht mehr und der linke Arm bringt auch nur mehr eine Teilleistung! JA … der Unfall hat mich verändert. Doch warum sollte ich, trotz Rollstuhl, nicht so bleiben wie ich bin – oder soll ich sagen, wie ich war? Nämlich fröhlich, neugierig, optimistisch und zuversichtlich. Doch nun hat mir die Entschleunigung der letzten 6 Monate genug Zeit gegeben. Zeit um genauer auf die Entwicklungen der letzten zwei Jahre hin zu schauen! Seit dem 7. Geburtstag (1.9.2019) des NETZWERK QUER-SCHNITT Linz hat sich zunehmend eine Ruhe in mein Werken und Wirken eingeschlichen. Während des Lock-Down war ich wieder vermehrt gefragt. Doch seit den Lockerungen hat sich, bis auf ein, zwei Ausreißer, Stille in meinem Leben breit gemacht! Ich lernte erneut – wie in der Zeit der Erst-Reha meine Betriebsamkeit und Tatendrang los zu lassen! Fällt nicht immer ganz leicht!

Richtig gemein sind jedoch die Grenzen, die man sich selber setzt. Grenzen sind oft nicht das, was wir in unserer Außenwahrnehmung erleben! Viele Grenzen fangen im eigenen Kopf an! Unser eigenes Ratio kann dabei zum Hemmschuh werden. Auf der anderen Seite; sind unsere größten Erlebnisse sind nicht unbedingt die lautesten oder die Sichtbarsten! Im besten Fall entwickeln wir uns durch die gemachten Erfahrungen weiter. Ich fühle mich gut, wenn ich Menschen Kraft und Mut gebe. Ich fühle mich auch gut, wenn ich den Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann. Aber für mich verbarg sich darin, dass ich genauso wie vor meinem Unfall, mich wieder zu einem Workoholic entwickelt habe. Zum Glück haben mich seit dem Sommer 2018 viele Umstände gezwungen, so manche Ideen und Projekte nach hinten zu verschieben! Jetzt sind sie nicht mehr wichtig und ich habe mir viel Geld für Videos gespart. Denn, nun „kam“ Anfang März 2020 Corona. Die telefonischen Beratungen stiegen in dieser Zeit noch einmal kurz enorm an. So wie es vor 13 - 14 Jahren schwer war wieder Lebensmut zu gewinnen und aktiv zu werden, so schwer ist es jetzt für mich, das so total entschleunigt auszuhalten. Ich weiß nicht warum. Es ist genauso wie ich auf die Frage, warum der Unfall gerade MIR passierte nie eine befriedigende Antwort bekommen werde. Es ist wie es ist, sagt mein Herz und Bauchgefühl zu meinem Gehirn!

Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen auch wieder etwas los zu lassen! Ich habe, seitdem ich in der Pflege gearbeitet habe, vor meinem Unfall alle sieben Jahre den Arbeitsbereich geändert. Nun bin ich im 8. Jahr mit meinem Netzwerk QUER-SCHNITT! Ich habe viel geschaffen und geschafft. Ich hinterließ manchen Orts meinen Fußabdruck, meine Spur. Es wird nun Zeit, neben meiner seelischen Gesundheit auch wieder mehr meinen geschundenen Körper etwas mehr zu pflegen. Corona macht mir nicht Angst; aber es hat unter anderem meine Vorsicht wieder etwas mehr geschärft. Auch wenn seit Anfang des Jahres mehrere Faktoren der Sicherheit und Stabilität weggebrochen sind. Ich muss mich nun einfach verstärkt darauf konzentrieren, Rahmenbedingungen für diese Sicherheit und Stabilität zurück zu erlangen. Ich könnte jetzt so manch g´scheide Phrase von mir geben. Um auch dauerhaft mich, meinen Körper und meine seelischen Gesundheit wieder in Einklang zu bringen, habe ich mich nun entschieden den Verein Netzwerk QUER-SCHNITT nur als Verein aufzulösen. Ich kann ja trotzdem als Richard Schaefer – Netzwerk QUER-SCHNITT bei Bedarf möglichen Ratsuchenden zur Seite stehen. Mit großer Dankbarkeit und Zufriedenheit schaue ich auf die letzten Jahre zurück.

Ich bin nun in meinem Leben an einem Punkt angekommen, an dem ich begriffen habe, niemanden mehr beeindrucken zu müssen! Auch, wenn ich etwas leiser trete, habe ich noch genug andere soziale Engagements! Ich verspüre nicht mehr den innerlichen Zwang, ich muss noch das und das zu tun! Alles was ich mache, mache ich nun in erster Linie für mich, ich bin wie ich bin. Das Gute ist, dass im Loslassen auch die wunderbare Chance eines neuen Beginnes verborgen liegt. All Jenen die mir seit 2012 geholfen haben, so gute Arbeit zu machen, sei an dieser Stelle ein großes Danke gesagt. Das Netzwerk QUER-SCHNITT ist ja nicht gestorben; es rollt nur in etwas ruhigerem Fahrwasser weiter!

21.10.2005 – 21.10.2020 Euer Richard


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